Ingeborg Becker

Ingeborg Becker
Atemtherapeutin – Heilpraktikerin für Psychotherapie
Hofackerweg 3
79379 Mullheim-Britzingen
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LEITARTIKEL: Atemtherapie - Atem ist Leben, ist Rhythmus und Begegnung

Ein Interview mit Ingeborg Becker

1. Warum ist es so wichtig, wie wir atmen?

Ingeborg Becker

Ein Erwachsener atmet ca. 16-18 Mal in der Minute, ca. 25920 Mal am Tag, ca. 9,5 Millionen Mal im Jahr. Dabei bewegt er jährlich durchschnittlich etwa 4,8 Millionen Liter Luft, 1/5 davon Sauerstoff. Dieser wird auf Zellebene benötigt, um über die „innere“ Atmung das „Lebensfeuer“ zu entfachen, zu nähren und zu erhalten. Im Zusammenspiel von „äußerer“ Lungen- und „innerer“ Zellatmung atmet der Mensch lokal in die Lunge und generell überall im Gewebe.
Diese lebenserhaltende Grundfunktion, die mit sichtbaren Atemwellen der Kontraktion und Expansion rhythmisch unseren Körper durchpulst, geschieht unbewusst und autonom. Sie wird durch komplexe Verschaltungen, Regelkreise und Rückkopplungsmechanismen von den ältesten Hirnregionen gesteuert, wobei Herz, Hirn, Atmung und Nervensystem eine funktionelle Einheit bilden. Jede Expansion und Kontraktion der Atembewegung wird nicht nur muskulär koordiniert, sondern ist über das vegetative Nervensystem auch mit verschiedenen Gehirnstrukturen verknüpft, so dass die Atmung als neurophysiologisch-biochemischer Prozess in ein ganzheitliches Netzwerk eingebettet ist. Über die Verbindung zur Hirnrinde (Neocortex) wird der Atem bewusst wahrnehmbar und willentlich steuerbar, z.B. wenn wir tief Luft holen oder eine Kerze ausblasen. Über die Verbindung zum Zwischenhirn (limbisches System) bekommt die Atmung ihre emotionale Färbung: Je tiefer wir atmen, umso tiefer und intensiver können wir fühlen. Über das fein abgestimmte Zusammenspiel aller Hirnregionen mit der sensomotorischen und vegetativen Peripherie kann der Einatem zur Inspiration und der Ausatem zum Wort, zum Klang, zur Sprache werden. Schließlich können in der Atemruhe Bewusstheit und Persönlichkeit entstehen. Durch diese Zusammenhänge wird die Atmung zum Atem, zum Grundrhythmus des Lebens, der Körper, Geist und Seele miteinander verbindet und Spiegelbild für Gesundheit, Wohlbefinden und geistige Klarheit wird.
Auf der Körperebene hat jede Atembewegung einen spürbaren Effekt auf den Gesamtorganismus, da sie Bindegewebe und Muskelketten bewegt, Stoffwechsel, Hormon- und Immunsystem anregt sowie den Säuren-Basen-Haushalt ausgleicht. Allein 70 Prozent der Schlacken und Abfallstoffe werden über den Atem ausgeschieden. Bei jeder Vollatmung bewegt sich das Zwerchfell beim Einatemimpuls bis zu 10 cm von den Rippenbögen in den Bauchraum und „massiert“ dabei rhythmisch alle darüber und darunter liegenden Organe: vom Herzen über Magen, Leber, Milz, Nieren, Darm, Harnblase bis zu den Geschlechtesorganen. Jede Atembewegung dehnt die Wirbelsäule und richtet sie auf, so dass sich die Atemdruckwelle über den Rückenmarkskanal bis in das Gehirnwasser fortpflanzt und das Gehirn wie auf einer Atemwelle schwimmt. So wird der Mensch bei durchlässiger Muskelspannung vom Schädeldach bis zu den Zehenspitzen zum schwingenden Gesamtsystem, bis auf Zellebene getragen vom Atem als Grundrhythmus des Lebens.
Bei Vollatmung kann also ein Mensch alle physischen, psychischen und geistigen Möglichkeiten ausschöpfen, seine Lebendigkeit kraftvoll und energiegeladen ausdrücken, seine Persönlichkeit lust- und freudvoll entfalten, Bewegungs- und Erfahrungsspielräume offen und neugierig entdecken und gestalten. Jede Einschränkung des Atems in Richtung Verflachung reduziert dieses Spektrum an Lebendigkeit und Leichtigkeit, an Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten. Da bereits über 80 Prozent der Menschen westlicher Prägung zu flacher Brustkorbatmung neigen, kann die Tendenz zur Atemverflachung auch als Anpassungsleistung an eine „atemlose“ Gesellschaft gedeutet werden. „Wie wir atmen, so leben wir, so sind wir.“

2. Was ist am häufigsten „falsch“ an unserem Atem und welche Auswirkungen kann „falsches Atmen“ auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden haben?

Es gibt so viele Arten zu atmen wie es Menschen gibt, denn der menschliche Atem ist so individuell wie ein Fingerabdruck oder die Linien einer Hand. Er ist variabel modulierbar und ständig in Veränderung. Als Grundrhythmus des Lebens ist er die Wiederkehr des ewig Neuen. Vor diesem Hintergrund ist für mich „richtiges“ oder „falsches“ Atmen lediglich ein Etikett dafür, ob etwas stimmig an den Lebensfluss angeschlossen oder aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Gleichgewicht erhält der Atem durch die Flexibilität und Schwingungsfähigkeit von Zwerchfell und Muskulaturen, die eine rhythmische Pulsation der Atemdruckwelle im elastischen Weit- und Schmalwerden der Körperwände ermöglichen. Gleichgewicht verliert der Atem, wenn muskuläre Spannungsmuster im Zusammenspiel mit geprägten Denk-, Fühl- und Beziehungsmustern nicht mehr adäquat reguliert werden können und dadurch Atemmuster entstehen, die den natürlichen Rhythmus überprägen, überlagern, einschränken oder gar blockieren können.
Wenn Menschen dadurch aus ihrem Rhythmus fallen und ihr fein abgestimmtes Gleichgewicht verlieren, verliert die Pulsation der Atemdruckwelle ihre Spannkraft, Elastizität, Leichtigkeit und Energieeffizienz. Trotz willentlicher Kontrollversuche wird Atmen dann zur Anstrengung, die belastet oder schwächt. Im Bemühen um ein „richtiges“ Atmen fühlen sich viele Menschen erschöpft, verunsichert und überfordert. Wird der Atem schneller, oberflächlicher und ruheloser, gerät das vegetative Nervensystem zunehmend in Dysbalance, was für den Gesamtorganismus zum Dauerstress werden kann. Dadurch wird die gesamte Erholungsfähigkeit eingeschränkt, vor allem wenn der entgleiste Atemrhythmus auch den Schlaf-Wachrhythmus und die Rhythmen von Herz, Kreislauf, Lymphe und Liquor beeinträchtigt. Mögliche muskuläre Dysbalancen können sich in Schulter-, Nacken- oder Rückenschmerzen zeigen. Neben Stimmproblemen oder Herz-Kreislaufbeschwerden können sich durch die fehlende Massagewirkung des Zwerchfells auch zunehmend Blähungen oder sonstige psychosomatische Verdauungsstörungen einstellen. Dies kann auf Dauer die Ausdrucks- und Bewegungsmöglichkeiten einschränken, die Vitalität, Lebendigkeit und Lebensfreude dämpfen und unter Umständen zu Erschöpfung, Depression und sozialem Rückzug führen. Hier kommt dem bewussten zugelassenen Atem als Weg der Integration, des Wachsens und Ganzwerdens jenseits von „richtig“ und „falsch“ eine zentrale Bedeutung zu.

3. Werden wir zuerst krank, erleben ein Trauma usw. und dann lernen wir falsch zu atmen oder umgekehrt?

Ingeborg Becker

Beides kann gleichzeitig geschehen und sich gegenseitig bedingen. Da wirkt der Atem wie ein fein abgestimmter Seismograf, der regulierend und unterstützend wirkt und das jeweilige Befindlichkeitsbild widerspiegelt. Bei einem Trauma oder sonstigen psychischen Belastungen werden komplexe Stressreaktionen ausgelöst, die dem Überleben dienen und das Zerbrechen von Körper, Geist und Seele zu verhindern suchen. In diese Regelkreise ist natürlich auch der Atem eingebunden und kann in dieser akuten Notfallsituation mit Kontraktionen der Atemmuskulaturen reagieren, welche die Atembewegungen stark einschränken oder erstarren lassen. Diese „Zwerchfellblockaden“ fungieren zunächst als wichtige lebenserhaltende Schutzmechanismen bei extrem erlebter nervlicher Übererregung durch Angst, Panik, Ohnmacht oder Hilflosigkeit, die das erträgliche und handhabbare Maß übersteigen. Tatsächlich zeigen sich bei Menschen mit Traumatisierungen häufig chronifizierte Zwerchfellblockaden mit weitreichenden gesundheitlichen Folgen.
Umgekehrt können Bewegungsmangel oder Haltungsschäden durch langjährige sitzende Tätigkeiten oder durch degenerative rheumatische Erkrankungen wie z.B. beim Morbus Bechterew die Vollatmung im Rücken-, Brust oder Bauchbereich einschränken und sich ungünstig auf die inneren Organe und das vegetative Nervensystem auswirken. Hier wird diese enge Verzahnung zwischen Körper, Geist und Seele so deutlich, wie sie in der Psychosomatik zum Ausdruck kommt. Wenn Sie nun Gesundheit als gelingende und Krankheit als gestörte Kommunikation zwischen Zellen und Zellverbänden verstehen, wird deutlich, welche Rolle dabei dem Atem als Träger von Stimme, Ton, Klang, Sprache, Kommunikation und Bewusstsein zukommt.

4. Der Buddhismus verwendet die Konzentration auf den Atem als eine der Meditationstechniken. Sind spirituelle Dimensionen in der Art, wie wir atmen, verborgen oder spielt hier die Achtsamkeit/Konzentration auf den Atem eine Rolle?

Mit seinen drei Phasen von Ein-Aus-Ruhe liegt im Atem selbst eine spirituelle Kraft verborgen, die den Zugang zur Transzendenz, zur Verbundenheit mit etwas Höherem ermöglicht. Ein- und Ausatem spiegeln die Polaritäten des Lebens wider, die im Dritten, in der Atemruhe, den Menschen in seiner Ganzheit – jenseits aller Dualitäten – ansprechen. Über den Lebensatem kommen wir in diese Welt, über den Lebensatem gehen wir aus dieser Welt. In der Spanne dazwischen hat der Mensch teil an der Atemfülle, die zum Geschenk des Lebens wird.

Alle Kulturen und Weltreligionen haben dem Atem eine besondere Bedeutung beigemessen, die in Schöpfungsmythen und Sprache zum Ausdruck kommen. So bedeutet z.B. das indogermanische „atman“ = „Hauch-Seele-Wind“ oder das lateinische „spirare“ bzw. „spiritus“ = „atmen“ bzw. „Geist“, verwandt mit den „spirits“ der schamanischen Heilarbeit. Auch in der Bibel gibt es zahlreiche Hinweise auf den „Odem“ (mitteldeutsch), den „Gott dem Erdenkloß eingehaucht“ hat (2. Buch Mose, Vers 7).
So schwingt diese geistig-spirituelle Dimension immer mit, auch wenn sie nicht bewusst wahrgenommen wird. Achtsamkeit und bewusstes Atmen sind sicherlich geeignete Schlüssel, um den Raum zur Spiritualität und Transzendenz zu öffnen. Um über die Schwelle zu treten, bedarf es aber spezieller Rahmenbedingungen. Unabdingbar ist eine durch das Leben gereifte Persönlichkeit, die in der Realität ihres Lebens und ihres Körpers ganz inkarniert ist, Leben und Körper also ganz in Besitz genommen hat. Denn ein Mensch kann nur durch das Personale zum Transpersonalen finden. Er kann nur das transzendieren, was er vorher „durchschritten“ (lat.: transcedere) und durchlebt hat.
Um bei der Meditation das wahrzunehmen, was ist, und mit dem zu sein und bleiben zu können, was ist, braucht es eine Instanz der Zeugenschaft oder des Gewahrseins, die in liebevoller, mitfühlender, wacher Präsenz wahrnimmt, ohne sich mit dem, was ist, zu identifizieren oder Einfluss zu nehmen, d.h. den Atem willentlich zu beeinflussen. Zur Achtsamkeit darf eine Hingabefähigkeit kommen, die sich in einer rezeptiven Haltung vom Atemgeschehen auch berühren lässt. Dann kann das ICH sich lassen, sich atmen lassen, so sein lassen, geschehen lassen. Und durch dieses Geschehenlassen in jenen Raum eintreten, in dem „das Bewirkende“ geschehen kann. Das Atmen wird so zu verkörperter Transzendenz, zum „Atem der ich BIN“.

5. Was sind die Kernmethoden Ihrer Atemtherapie?

Ingeborg Becker

Meine atemtherapeutischen Wurzeln liegen im „Erfahrbaren Atem“ nach Ilse Middendorf, von 1998-2001 vermittelt durch Barbara Karst, einer ihrer Schülerinnen. Die „Atem- und Körperpsychotherapie“ nach Stefan Bischof und das „Realming“-Konzept nach Bernd Laserstein stellen für meine Arbeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie wichtige Ergänzungen dar. Beeinflusst ist meine Arbeitsweise von der Atemlehre nach Herta Richter und der „Psychodynamik des Atem- und Meridiansystems“ nach Volkmar Glaser, vermittelt durch das Lehrinstitut für Körper- und Atemtherapie (LIKA) in CH-Brugg.

Diese unterschiedlichen Ansätze integriere ich in meiner Arbeit, so dass sie im Hintergrund mitschwingen. Im Mittelpunkt steht der Aufbau einer therapeutischen Beziehung, eingebettet in die Konzepte von Somatischer Resonanz, Übertragung und Gegenübertragung. Die Therapiestunden und deren Zielsetzung werden von mir und meinen KlientInnen gemeinsam gestaltet. Dabei geht es nicht ausschließlich um Symptombeseitigung, sondern um das Entdecken atemtherapeutisch relevanter Ressourcen, die einen lebendigen Atem- und Bewegungsfluss ermöglichen. Die Bedürfnisse und momentane Verfassung der KlientInnen sind richtungsweisend für die Gestaltung der Therapiestunden, die sich aus den Interaktionen zwischen mir und meinen KlientInnen entwickelt. Inhaltlich geht es vor allem um die Vertiefung von Körperwahrnehmung und Bewusstseinsarbeit.

Atemtherapie ist kein standardisiertes Verfahren im Sinn einer Atemtechnik oder Atemgymnastik. Sie ist vielmehr eine innere Haltung, ein „Übungsweg“ im Sinn einer „Atemheilkunst“ als einem künstlerisch-schöpferischen Akt, der von TherapeutIn und KlientIn vor dem Hintergrund einer tragenden Beziehung gleichermaßen gestaltet wird. Dabei ruft der Atem als lebendiges Geschehen nach komplexen, differenzierten und lebendigen Antworten auf die Fragen, die er in uns wachruft.

6. Einer Ihrer Kurse heißt „Atemkraft – Lebenskraft – Ichkraft“. Was lernt man da bei Ihnen?

Der Kurs richtet sich an Menschen, die ihre Grenzen bewusster erkennen und gestalten möchten. Er gibt Anregungen, stimmige Regulierungen für Nähe und Distanz, Geben und Nehmen oder Ja- und Neinsagen zu finden. Über Atem- und Körperübungen können die TeilnehmerInnen erfahren, woraus sie Selbstwert generieren und aus welchen Quellen sie Anerkennung und Kraft schöpfen. Der Kurs bietet konkrete Lösungswege, sich schrittweise von geprägten Verhaltens- und Denkmustern distanzieren zu können. Atem-, Bewegungs- und Spürübungen vermitteln I einen intensiven Zugang zum Körperbewusstsein. Dieses kann genutzt werden, um sich selber in allen Facetten, Wünschen und Bedürfnissen bewusster wahrzunehmen und anzunehmen. Zentriert und geerdet lernen die TeilnehmerInnen über den Atem als Bewusstseinsträger, automatisierte Alltags- und Beziehungsroutinen zu erkennen, zu überprüfen und neu zu gestalten.

In Einzel- und Partnerübungen können sie Kontakt und Grenze als halt- und strukturgebend erleben und Strategien entwickeln, wie sie sich im Alltag gut abgrenzen können. Kurze szenische Interaktionen laden zu spielerischer Neugier, humorvoller Entdeckerfreude und Selbstakzeptanz ein.

7. Sie haben auch einen Buchbeitrag geschrieben, worum geht es in diesem Buch?

Zusammen mit deutschen und Schweizer Kolleginnen haben wir im Buch „Atem der ich bin“ die Indikationen der Atempsychotherapie dargestellt und anhand von Fallbeispielen erläutert. Das Spektrum reicht von Behandlungen bei posttraumatischen Belastungsstörungen, psychosomatischen Erkrankungen, Depressionen, Narzissmus, Arbeit mit Kindern und Säuglingen. Mein Beitrag beleuchtet den psychischen Aspekt bei Asthma, Lungenemphysem und COPD. Das ist sehr spannend, weil hier diese grundlegende Verknüpfung des Atems mit dem vegetativen Nervensystem zum Tragen kommt. Und auch hier wie bei vielen traumatischen Erkrankungen der Arbeit mit dem Zwerchfell eine herausragende Stellung zukommt.