LEITARTIKEL: Bewusstseinserweiternde Substanzen in der Psychotherapie

eine Neubewertung von:

Dr. Dietrich Franke

Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie,
Diplom-Psychologe, Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Personenzentrierte Psychotherapie, Focusing, Transpersonale Psychotherapie
www.dietrich-franke.de
dr.dietrich.franke@gmx.de

Vorbemerkung: Wenn ich hier über psychoaktive Substanzen berichte, so geht es mir dabei ausschließlich um eine Neubewertung von deren Einsatzmöglichkeiten bei Erwachsenen im Rahmen eines streng kontrollierten therapeutischen Settings.

Bewusstseinserweiternde Substanzen finden seit Jahrtausenden Verwendung, und bis heute wird das Bedürfnis nach Veränderung und Erweiterung des Bewusstseins  durch Verbote ja nicht beseitigt. Laut dem Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung des Jahres 2016 hat fast die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland Erfahrungen mit verbotenen Substanzen. In anderen Ländern wie z.B. den USA findet man ähnliche Zahlen.

Man sieht: Eine drogenfreie Gesellschaft, wie sie bei dem 1971 vom damaligen amerikanischen Präsidenten Nixon verfügten Verbot und dem darauf folgenden „war on drugs“ beschworen wurde, hat sich als Illusion erwiesen. Darüber hinaus  hat der Krieg gegen die verbotenen Substanzen unsägliches Leid verursacht: Stigmatisierung, Kriminalisierung, Schwarzmarkt, Drogenmafia, Bandenkriege, Terrorismus etc. Namhafte Persönlichkeiten wie der frühere UN-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger Kofi Annan fordern heute eindringlich eine umfassende Revision der derzeitigen Drogenpolitik und eine Beendigung des Drogenkrieges.
Wie kann man sich nun die Wirkung einer bewusstseinserweiternden Substanz ( ich möchte in diesem Zusammenhang den missverständlichen Begriff „Droge“ vermeiden) vorstellen? Dazu ein Erfahrungsbericht: „Der beeindruckendste und intensivste Teil dieses Erlebnisses war das weiße Licht in seiner absoluten Reinheit und Unbeflecktheit…Die damit verbundenen Gefühle waren die von absoluter Ehrfurcht, Verehrung und Heiligkeit…Die Erfahrung des weißen Lichts war von höchster Bedeutung: etwas, … das es wert ist, sein Leben dafür einzusetzen und ihm sein Vertrauen zu schenken“. So beschreibt ein Teilnehmer seine Erfahrung mit dem psychoaktiven, in den sog. Zauberpilzen enthaltenen Wirkstoff Psilocybin. Dr. Walter Pahnke, Mediziner und Theologe an der amerikanischen Harvard-Universität, hatte 1962 diese Substanz 20 Studenten bei dem in der Literatur berühmt gewordenen „Karfreitags-Experiment“ verabreicht.
Diese Beschreibung mag zeigen, welche außergewöhnlichen Veränderungen im subjektiven Erleben durch die Gabe einer bewusstseinserweiternden Substanz ausgelöst werden können. Die Ergebnisse der Karfreitags-Studie waren beeindruckend positiv und erwiesen sich bei einer 29 (!) Jahre später erfolgten Nachuntersuchung als stabil. Psilocybin - so das Ergebnis -  kann eine vollständige oder teilweise mystische Erfahrung auslösen und in wertvoller Weise zu einem spirituellen Leben (und auch einer erfolgreichen Psychotherapie) beitragen.
In Anlehnung an dieses Experiment aus dem Jahr 1962 führte der Psychiater Dr. Roland Griffiths 2006 an der Johns Hopkins-Universität in Baltimore/USA eine Studie durch, die unter dem Titel: „Psilocybin kann Erfahrungen mystischer Art auslösen, die von persönlicher Bedeutung und individueller Wertigkeit sind“ veröffentlicht wurde.. Die 30 Teilnehmer an dieser randomisierten Studie im doppelblinden Design entsprechend den heutigen wissenschaftlichen Kriterien wurden 14 Monate nach deren Abschluss nachuntersucht. 2 Drittel der Teilnehmer schätzten ihre Erfahrung als zu den 5 bedeutsamsten ihres Lebens gehörend ein. In den Kontext substanzinduzierter mystischer Erfahrungen gehören auch religiöse Gemeinschaften wie die Native American Church in den USA oder die Santo Daime Kirche in Brasilien und weiteren Ländern, bei denen bewusstseinserweiternde Substanzen wie Mescalin und Ayahuasca legal als Sakrament im Mittelpunkt  kirchlicher Rituale stehen. Ich selbst hatte vor vielen Jahren im brasilianischen Amazonasgebiet mehrfach Gelegenheit, an solchen Ritualen teilzunehmen. Die dabei gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse gehören zu den tiefgreifendsten Erlebnissen meines Lebens und wirken bis heute nach.
Nach fast 40-jähriger Unterbrechung gibt es nun seit einigen Jahren in mehreren Ländern wie z.B. den USA, Kanada, England, Israel und der Schweiz wieder unter strengen Auflagen durchgeführte wissenschaftliche Untersuchungen zum kontrollierten Einsatz bestimmter psychoaktiver Substanzen. Dabei finden vor allem  Entaktogene ( „das Innere berührend“, auch als „Empathogene“ bezeichnet) Verwendung, hier vor allem MDMA, sowie Psychedelika („die Seele enthüllend“), insbesondere Psilocybin und LSD.

Die  Wirkung von Empathogenen wie MDMA (die reine Form von Ecstasy) lässt sich am besten als Herzöffnung beschreiben, die sich durch weitgehende Angstfreiheit, gestärktes Vertrauen, verbesserte Kontaktfähigkeit, intensiveres Spüren eigener und fremder Emotionen und eine erhöhte Selbstakzeptanz auszeichnet. Wird MDMA im Rahmen von Psychotherapie angewendet, so können psychotherapeutische Prozesse deutlich vertieft und intensiviert werden. Insbesondere in der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS) - etwa bei Opfern sexualisierter Gewalt, bei Folteropfern oder bei traumatisierten Kriegsveteranen (in den USA begehen pro Tag im Durchschnitt 22 Kriegsveteranen Suizid) - sowie bei Menschen mit  Problemen in sozialen Beziehungen (z.B. bei Autismus) kommt MDMA  in kontrollierten Studien neuerdings wieder zum Einsatz. Traumatische Erfahrungen, die oft herkömmlichen Behandlungen nur schwer oder gar nicht zugänglich sind, können dann in der Therapie bearbeitet und integriert werden. „Es war, als wenn ein Pflaster auf eine Wunde gelegt wird“, berichtet eine Teilnehmerin einer kürzlich in der Schweiz durchgeführten Studie zur substanzunterstützten Behandlung von PTBS-Patienten.  
Psychedelika wie Psilocybin oder LSD erweitern das Bewusstsein, indem sie normalerweise unbewusste subtile Bereiche der Psyche bewusst machen können. Zwar unterliegen diese Substanzen derzeit weltweit einem staatlich verfügten strikten Verbot - in Deutschland fallen sie unter das Betäubungsmittelgesetz -, doch sind sie aufgrund ihrer Wirkung alles andere als Be-, sondern vielmehr Enttäubungsmittel. Sie erweitern das Bewusstsein, indem sie wie ein Türöffner wirken, der einen Blick in sonst verborgene Welten erlaubt, und ähnlich wie ein Mikroskop oder ein Fernrohr ermöglichen sie es, die Grenzen unserer Sinnesorgane in den Mikro- bzw. Makrobereich auszudehnen. Psychedelika wie LSD und Psilocybin, deren chemische Strukturformeln  dem Neurotransmitter Serotonin sehr ähnlich sind (im Volksmund als „Glückshormon“ bezeichnet),  setzen die Wahrnehmungsschwellen herab bzw. sie reduzieren die Filterfunktion des Gehirns. Die Überflutung höherer kortikaler Zentren mit Reizen aus allen Sinnesbereichen führt meistens zunächst zu einer Desintegration im Zusammenspiel neuronaler Netzwerke, auf die dann wiederum eine Neuordnung und auch Neubewertung erfolgen kann. Ob eine solche Erfahrung im subjektiven Erleben dann eher zu einer „angstvollen Ich-Auflösung“ oder einer „ozeanischen Selbstentgrenzung“ führt, hängt von zahlreichen äußeren und inneren Einflussgrößen ab. Von ganz entscheidender Bedeutung, ob jemand eine psychedelische Erfahrung in heilsamer Weise für sich nutzen kann oder aber mit einem Horror-Trip bzw. - bei dazu disponierten Menschen -  gar mit einer psychotischen Episode zu rechnen hat, sind dabei die Faktoren Dosis, Set und Setting. Eine sorgfältige Beachtung der adäquaten Dosis versteht sich wohl von selbst.  Als Set bezeichnet man den inneren Bezugsrahmen, also die individuelle Einstellung wie Motivation, Vorerfahrungen, psychische Prädisposition, momentane Befindlichkeit etc. Zum Setting, dem äußeren Bezugsrahmen, gehören Faktoren wie die physische Umgebung und die Atmosphäre, in der die Erfahrung stattfindet, eine kompetente Begleitung bzw. Leitung, die Zusammensetzung des Teilnehmerkreises usw. Dem stimmigen Setting kommt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu, steht und fällt die Qualität einer psychedelischen Erfahrung doch damit, dass die TeilnehmerInnen sich hinreichend sicher fühlen können.
Zur Gefährlichkeit psychoaktiver Substanzen: Der Psychiater David Nutt, bis 2009 wichtigster Berater der britischen Regierung in Drogenfragen, hat in Zusammenarbeit mit zahlreichen Fachleuten aus verschiedenen Ländern eine Tabelle zum Gefahrenpotential psychoaktiver Substanzen erstellt und 2012 in der britischen Medizinzeitschrift The Lancet publiziert.

Man sieht:  Die mit Abstand gefährlichste Droge sowohl für die Konsumenten selbst als auch für deren direktes Umfeld ist Alkohol, während Ecstasy (MDMA) sowie wie LSD und Psilocybin („Zauberpilze“) ganz am Ende der Skala rangieren.
In den 50er und 60er Jahren wiesen zahlreiche Forscher in mehr als 1000 Veröffentlichungen den medizinischen Nutzen von LSD, Psilocybin und anderen Substanzen für Menschen mit psychischen Erkrankungen nach, auch wenn viele der damaligen Studien noch nicht den heute gültigen wissenschaftlichen Standards genügten. Nach dem 1971 zunächst in den USA und kurz darauf als Reaktion auf den ausufernden unkontrollierten Substanzgebrauch weltweit erfolgten Verbot kam die Forschung mit psychoaktiven Substanzen über ca. 4 Jahrzehnte nahezu vollständig zum Erliegen. Seit einigen Jahren scheint nun in Ländern wie den USA, England, Kanada, Israel, Spanien und der Schweiz eine Art Renaissance stattzufinden. Dabei ging es in Phase 1  zunächst um den Nachweis der Unschädlichkeit der jeweiligen Substanz und in Phase 2  darum, deren Wirksamkeit zu belegen. Derzeit sind für Phase 3 zwei großangelegte MDMA-Studien mit insgesamt 450 Probanden in den USA und in verschiedenen anderen Ländern in Planung. Rick Doblin, Leiter der amerikanischen non-profit-Organisation MAPS (Multidisciplinary Organisation for Psychedelic Studies) hegt die Hoffnung, dass die dortigen Gesundheitsbehörden nach Abschluss dieser Studien bis zum Jahr 2021 MDMA für den Einsatz in der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen im Rahmen von Psychotherapie freigeben werden (in deren Verlauf die Teilnehmer die unterstützende Substanz übrigens nur ein- bis dreimal zu sich zu nehmen brauchen). In der Folge könnten dann auch weitere bewährte Substanzen für spezifische medizinische Behandlungen zugelassen werden. Als Indikationen für deren Einsatz im kontrollierten Rahmen kommen dabei u.a. Suchterkrankungen wie Alkoholismus und Nikotinabhängigkeit sowie Depressionen und Angstzustände (etwa bei lebensbedrohlichen Erkrankungen) in Frage. So veröffentlichte z.B. der Psychiater Dr. Peter Gasser, derzeitiger Präsident der Schweizer Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie, 2014 eine unter strengen Auflagen in der Schweiz durchgeführte Studie zur LSD-unterstützten Behandlung von Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen. Die Studie zeigte bei diesen Patienten eine deutliche und nachhaltige Reduzierung ihrer Angst und eine ebenso nachhaltige Verbesserung ihrer verbleibenden Lebensqualität. Sollte es in den nächsten Jahr(zehnt)en zu einer Lockerung oder sogar Aufhebung der Prohibition für bestimmte bewusstseinserweiternde Substanzen kommen – wie es für Marihuana bereits in einigen Ländern der Fall ist – so könnten  Vorschläge zur Kontrollierbarkeit wie der des deutschen Philosophen Thomas Metzinger von  Nutzen sein: Er knüpft die Berechtigung, zweimal pro Jahr eine Dosis LSD von staatlich kontrollierten Stellen zu erhalten, an den vorherigen Erwerb eines  „LSD-Führerscheins“.