(Er-) Lebst Du schon? Erlebnisfähigkeit und -pädagogik

von Dr. Michael Birnthaler

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 „Es kommt nicht darauf an, wie viele Tage dein Leben hat,
sondern es kommt darauf an, wie viel Leben deine Tage haben.“ 
J. J. Rousseau


Wo wir stehen - Einleitung
Unsere Zivilisation stand vor zwei Jahrzehnten an der Wiege eines neuen Typus von Mensch: der „E-Mensch“ wurde geboren. Während noch bis Ende der 80er Jahre der V-Mensch, der „Versorger“ der gängige Menschentyp war, wurde er in den 90er Jahren vom E-Menschen, dem Erlebnismenschen verdrängt. Seit dem Heraufziehen der Erlebnisgesellschaft strebt nun diese neue Generation in erster Linie danach, ihr Leben als ein schönes Erlebnisprojekt einzurichten.
In unserer Erlebnisgesellschaft kreist das Denken und Streben des Menschen in tausenderlei Spielarten darum, das Leben entgegen den Forderungen des Alltags mit großen und kleinen bunten Erlebnishappen zu garnieren. Viele dieser Erlebnismenschen sehnen sich heute in die Ferne, suchen am Strand von  Ibiza oder in einem Wellnesstempel auf Honolulu ihr Glück. Sie jagen dem schnellen Geld an der Börse hinterher, der quicken erotischen Romanze oder dem Rausch eines Tandem-Fallschirmsprungs aus schwindelerregender Höhe.
Zahlreiche Zeitgenossen suchen anscheinend zwar den äußeren Erfolg und die „coole Action“. Doch wie viele unter ihnen sehnen sich womöglich in Wirklichkeit nach dem puren menschlichen Glück? Nach echtem und tiefem Erleben? Die meisten von ihnen kommen in ihrem Hamsterrad des Erfolgsstrebens irgendwann dann an einen toten Punkt: sie brennen aus, vereinsamen, greifen zur Flasche oder erschöpfen sich bei  Singlepartys, Chatforen und Partneragenturen.
Unsere moderne Leistungsgesellschaft ist viel zu einseitig auf Leistungsnormen und den Intellekt ausgerichtet. Ihr fataler Schattenwurf ist dabei die Verkümmerung der Empfindungs- und Erlebnisfähigkeit. Es kommt zu einer verminderten Fähigkeit, die eigenen Sehnsüchte wirklich zu befriedigen, denn unser Erleben bleibt zumeist an der Oberfläche. So ergibt sich ein Gefühl existenzieller Unerfülltheit und innerer Leere. Am Ende und wiederum am Anfang dieses unseligen Teufelskreislaufs steht das verbreitete Bedürfnis, die innere Leere durch ein hastiges Streben nach Glück und Erfolg, durch Intellekt und Leistung zu übertönen.
Kurzum: Wir leben in einer Gesellschaft, die sich auf der trostlosen Suche nach Glück verzehrt, aber statt Glück und tiefer Freude immer nur den Spaß findet. Denn so lange wir von unseren Herzenskräften abgeschnitten sind - zu tiefem und echtem Erleben also nicht fähig sind - so lange werden wir die glückbringende Fülle des Lebens nicht erleben können. Und so lange werden wir  allen möglichen Chimären und Surrogaten des Glücks hinterherlaufen.

Zwei Beispiele
Hartmut, 19 Jahre alt: er hat soeben sein Abitur mit Glanz und Gloria geschafft. Leistungskurs Biologie. Über hundert Pflanzen kennt er mit lateinischem Namen, den biochemischen Stoffwechsel der Zellen kann er an den Fingern laufen lassen. So plant er Biologielehrer zu werden. Eine Mitgliedschaft bei einem Tierschutzverein oder einer Umweltorganisation ist ihm zu teuer. Schließlich war ihm ja schon als Jugendlicher die Rettung von Fröschen und die Ökoprojekte zu anstrengend und „gefühlsduselig“. Einfach mal so in die Natur raus gehen, ohne Bestimmungsbuch, den Wald erkunden, eine Nachtwanderung, eine Kanufahrt, die das Herz und Gemüt erwärmt, hält er für sentimentale Zeitverschwendung.
Hartmut ist leider kein Einzelfall. Seit einer Generation existieren Studien (z.B. „Lila Kuh“), die die schockierende Entfremdung unserer jungen Generation von der Natur dokumentieren. Die Natur wird für unseren Nachwuchs mehr und mehr zu einer Kulisse, einem Sportgerät, einem weißen Fleck im Leben des Erlebnismenschen. Denn: das Herz hängt bei vielen Menschen nicht mehr an der Natur!
Neueste Forschungen haben ergeben: die intellektualistischen Programme der Umwelterziehung aus den 80er Jahren haben versagt, ebenso die aktionistischen Konzepte der Ökopädagogik. Lediglich die Ansätze der Natur-Erlebnispädagogik sind erfolgreich und fruchten. Denn nur wenn das Herz des jungen Menschen angerührt ist von der Erhabenheit oder auch dem Leiden der Natur, ist er selbst im Innersten angesprochen. Und am Ende bereit, sich z.B. für Umweltschutz zu engagieren.

Corinna, 28 Jahre:
Erststudium Medienpädagogik, Zweitstudium Kommunikationsdesign, jetzt ist sie für Kulturwissenschaft eingeschrieben. In ihrer Kindheit und Jugend liebte sie es, mit ihren zahlreichen Freundinnen gemeinsam die Zeit zu verbringen. Sie galt als fröhliches und allseits beliebtes Mädchen. Bis schließlich die ersten Handys in die Hosentasche wanderten und facebook anfing das Leben zu bestimmen. Jetzt hatte Corinna nicht mehr nur zwei Hände voller Freundinnen, sondern gleich Dutzende, später Hunderte. Ihre echten Freundinnen von früher zogen sich dagegen immer mehr zurück. Übrig blieben die virtuellen Bekanntschaften in den „Social Medias“. Statt echter Begegnungen und wirklicher Freundschaften gab es fast nur noch oberflächliche Chats und eine Flut von wesenloser Kommunikation. Sie verliebte sich eines Tages in Tim, denn er sah reizend aus, später in Thomas, denn er war hochintelligent, beim dritten Anlauf dann in Torsten, denn er hatte Geld. In ihr kroch immer mehr das Gefühl der Einsamkeit und Beziehungslosigkeit herauf.
Tief in sich fühlte sie, ihr Kopf ist voll, doch ihr Herz ist leer. Nach den vielen Jahren des Lebens in den künstlichen Welten hat Corinna die erfüllende Beziehung face to face gegen facebook und die Einsamkeit eingetauscht.
Viel schlimmer noch: sie hat es verlernt, die Sprache des Herzens zu verstehen. Wer aber verlernt hat, auf sein Herz zu hören, wird seine Herzenssache nicht finden. Er wird von einem Studium zum nächsten treiben, von einer Partnerschaft in die nächste wechseln. Das Herz hat aber Gründe, die der Kopf nicht kennt.
Das Herz ist in der Lage, mit den verborgenen Sehnsüchten, den eigentlichen Aufgaben im Leben und den beglückenden Partnern seismographisch oder magnetisch in Kontakt zu kommen.

Wo wir hingehen können - Fazit
Um den Menschen, die die Sprache des Herzens wieder erlernen wollen, etwas anzubieten, wurde im Jahr 2002 das Institut für Erlebens-pädagogik in Freiburg gegründet. Über 1500 Kursteilnehmer haben hier gelernt, wieder mehr „mit dem Herzen zu sehen“.
Mithilfe der Natur-Erlebnispädagogik wird auf natürliche Weise erlebbar, dass die Natur die unverzichtbare, uns immer wieder neu belebende Basis für unser menschliches Leben auf dieser Erde ist.
Durch Erlebnispädagogik wird erfahrbar, wie aus mit Wissensbrocken angefüllten Köpfen von Kindern und Jugendlichen verantwortungsvolle Erwachsene werden können, wie aus einem Haufen von Individualisten ein echtes Team, ja eine eingeschworene Gemeinschaft werden kann - das gilt auch für Erwachsene! - und wie durch echte, tiefe Erlebnisse aus Fremden wertgeschätzte Freunde werden können.

Nur wenn es dem oberflächlichen E-Menschen gelingt, mehr sinn- und wertvolles Erleben in sein Leben zu bringen, mehr das tiefe Glück als den seichten Spaß zu finden und wieder mehr auf sein Herz zu hören, wird er nicht nur selber glücklicher sein, sondern auch ein Modell für eine glücklichere, der Weisheit des Herzens besser verbundene Gesellschaft sein.

Dr. Michael Birnthaler

Autor: Dr. Michael Birnthaler
Dipl.-Pädagoge
Leitung von EOS-Erlebnispädagogik
(Teamtrainings, Ferienlager, Klassenfahrten, Ausbildungen)

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