Heul doch, schrei doch!

von Norbert Michael

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Gefühle direkt und lautstark äussern vor allen Leuten? Geht gar nicht, meinen viele. Ausnahme: Fussballstadion! Da haben Freude und Wut die Erlaubnis zu ungehemmtem Ausdruck. Anders sieht es im (beruflichen) Alltag aus. Selbst wenn der Ärger noch so groß ist, wird sich jeder hüten, seinen Chef anzuschreien, denn der Preis dafür wäre zu hoch. Was geschieht aber mit Ihrer Wut, wenn Sie sie nicht zeigen? Sie bekommen den sprichwörtlichen dicken Hals. Kommt das öfter vor, prägt sich der Körper die Reaktion ein. Der ursprüngliche Impuls (ich will schreien vor Wut) wird durch einen unbewusst eingeübten Widerstand dauerhaft am Ausbrechen gehindert.

Wilhelm Reich definierte das als Panzerung. Er beschrieb genau die schwerwiegenden körperlichen Veränderungen, die schon ein Kind erlebt, wenn seine Gefühlsausbrüche abgelehnt oder gar bestraft werden: Muskeln und Bindegewebe verfestigen sich, um den als gefährlich erlebten Ausbruch der Wut schon im Keim zu ersticken. Mit den Jahren wird daraus ein regelrechter Panzer, der den gesamten Körper umfasst. Weil er auch dann da ist, wenn es gerade keine Wut zu unterdrücken gibt, erschwert er die Wahrnehmung von Gefühlen. Und er belastet so sehr den stimmlichen Ausdruck, dass es sich lohnt, genauer hinzusehen.  

Also: Was passiert im Körper, wenn Sie vor Ärger einen dicken Hals bekommen, aber der Chef eine Antwort erwartet? Die Halsmuskulatur hält Ihren Kehlkopf fest, drückt ihn zusammen und zieht ihn hoch. Sie nehmen sich also selbst in den Würgegriff, damit der Wutimpuls im Bauch nicht ausbrechen kann. Was schliesslich als Antwort herauskommt, hört sich gepresst und gequält an, nach einigen Minuten Sprechens setzen vielleicht auch Halsschmerzen ein, denn die Zunge drückt gegen den hochgezogenen Kehlkopf und macht den berühmten Kloß im Hals. Die Wirkung auf den Gesprächspartner, den Chef, aber ist fatal. Er hört den Druck in der Stimme und interpretiert instinktiv: dieser Mitarbeiter ist nicht kooperativ, sondern mein Gegner. Verspielt. Ihre Antwort kommt inhaltlich überhaupt nicht bei ihm an.

Aber gibt es eine Alternative? Ja, aber keine schnelle Patentlösung. Denn was in Jahrzehnten erlernt und als Handlungsmuster etabliert wurde, lässt sich nicht abstellen wie ein Auto. Aber bewusst zu hören und im Körper zu spüren, was mit mir geschieht im Moment des Ärgers, ist ein erster wichtiger Schritt heraus aus dem Ausgeliefertsein, hinein in die selbstbestimmte Handlungsfähigkeit. Dieser Moment des Innehaltens vor der Antwort eröffnet die Chance, den Druck loszulassen, um dann souverän zu antworten, imVollbesitz einer klangvollen Stimme.

Wichtig ist folglich, für diesen Stimmklang eine innere Orientierung zu entwickeln: Wie fühlt es sich an, wenn der Klang sich im Körper ausbreiten darf und Vibrationen Hals und Brustraum beleben? Das unwillkürliche „Mmm- mh“ beim Duft Ihrer Lieblingsspeise hilft dieser Erfahrung auf die Sprünge. Ausprobieren! Ist das ein gutes Gefühl? Bei mir im Stimmbewusst-Unterricht gelingt mit dieser kleinen Übung regelmäßig ein freudiger Einstieg in die spannende Welt der Klangentwicklung. Und Schritt für Schritt wächst so das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, Handlungsmuster können aufbrechen und den Raum frei geben für einen lebendigen und bewussten stimmlichen Ausdruck.

Norbert Michael

Autor: Norbert Michael
Sänger und Stimmpädagoge mit Praxis in Freiburg,
Köln und Lahr

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