Meditation und Spirituelle Begleitung - den Alltag vertiefen

von Thomas Löffler

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Menschen beginnen aus recht unterschiedlichen Gründen zu meditieren. Für den einen mag es um eine Entspannungsübung gehen, der andere möchte seine Konzentrationskraft steigern; auf diese Weise lässt sich Meditation dazu benutzen, den Alltag besser oder effektiver zu bewältigen und so mancher mag sie sogar dazu missbrauchen, sich selbst nicht nur arbeitsfähig zu erhalten, sondern in einen Burn-out zu manövrieren.
Meditative Praktiken entstammen ursprünglich jedoch religiösen Traditionen, sie gehören zum Weg in eine existenzielle, ja spirituelle Dimension des Lebens und eine dementsprechende Lebensgestaltung. Der Mensch kann mit ihrer Hilfe seiner selbst und seines „göttlichen“ Wesensgrundes bewusst werden, wodurch essenzielle Qualitäten wie die Empfindung von Sinn, Freude, Glückseligkeit, Gelassenheit, Frieden, Freiheit, Liebe usw. in sein Leben gelangen – jede/r wird sich hier anders ausdrücken.

Viele Menschen interessieren sich heute weniger für Kirche als vielmehr für Religion oder weniger für Religion als vielmehr für Spiritualität oder Mystik. Sie ahnen nicht nur eine Höhen- oder Tiefendimension ihres eigenen Daseins oder sehnen sich nach einer solchen, sondern sie ahnen auch, dass es einen allen Religionen zugrundeliegenden Ursprung geben muss, eine Einheit und gemeinsame Verbindung allen Lebens und deshalb auch aller Religionen. Der spirituelle Mensch strebt diesem Urgrund des Lebens zu, und er erlebt zunehmend eine innere Förderung, die ihn gleichsam von seinem Ziel her zu erreichen vermag.
Wer sich nach jener „Rückverbindung“ (lat. „religio“) sehnt und sich irgendwann auch mit der Meditation auf den „spirituellen Heimweg“ macht, mag sich ansprechen lassen durch eine Tradition oder Persönlichkeit, die entsprechende Praktiken und Einstellungen vermittelt. Suche ich zunächst vielleicht außerhalb des Christentums, so mag es sein, dass dieses im Laufe von Jahren oder Jahrzehnten erneut auf den Plan tritt und mich anzusprechen beginnt. Womöglich kommt es zu einer inneren Versöhnung mit kirchlichem Lehrgut und kirchlichen Repräsentanten. Umgekehrt mag es sein, dass ich mich auf eine christliche Weise auf den Weg gemacht habe und irgendwann merke, dass mich eine andere Tradition oder Persönlichkeit in meiner Tiefe berührt. Bei einem Dritten mag es so sein, dass er sich mit keiner dieser religiösen Traditionen anfreunden kann und von vorn herein auf die bewusste Vereinigung mit dem Sein abzielt – auch ihm/ihr kann konkrete Anleitung und Unterstützung gegeben werden.
Ein Mensch ist sicher nicht nur kulturell geprägt, positiv wie negativ, sondern er kann in sich die unterschiedlichsten Kräfte erleben und diese verändern sich mit der Zeit. Heute sind wir ja freier denn je, uns seelisch so zu gestalten, wie wir uns selbst gestalten wollen, uns selber formen lassen wollen. Wir leben in einer relativ offenen Gesellschaft und in einer Welt, die sich ihrer gegenseitigen Abhängigkeit, ja ihrer Einheit und wechselseitigen Verbundenheit zunehmend bewusst wird.

Es gibt recht unterschiedliche Formen von Meditation, Kontemplation und Gebet, die hier natürlich nicht vollständig dargestellt werden können. Reine Gegenwärtigkeit ist oft schwer zu erlangen oder aufrecht zu erhalten, eine Art Anker oder Pilgerstab für den Weg zur eigenen Mitte erscheint als hilfreich.
Anfänger aller Traditionen werden für gewöhnlich angeleitet, sich auf den Atem zu konzentrieren. Auf dieser Basis geht es dann darum, auch seiner körperlichen Empfindungen sowie seiner Gefühle und Gedanken gewahr zu werden, also bewusster zu (er-) leben durch die nicht-wertende, akzeptierende Wahrnehmung dessen, was ist (Vipassana = Einsichtsmeditation  = Achtsamkeitspraxis).
Eine freundliche, gütige, mitfühlende Haltung sich selbst gegenüber ist dabei von entscheidender Bedeutung. So ist es möglich, in subtileren Ebenen bewusst zu werden und – gleichsam in der eigenen Mitte – sich zunehmend als das reine Licht des Bewusstseins (an dem wir als „göttlicher Geistesfunke“ Anteil haben), als Wille und Liebe zu erkennen; als individuelle Selbstdarstellung des unermesslichen, unteilbaren kosmischen Ganzen, das gesamte Spektrum des (Bewusst-)Seins im einen, unteilbaren „Selbst“ oder „Ich“ umfassend.

Manchmal (z.B. in der christlichen Kontemplation) wird als Anker oder Pilgerstab die Konzentration auf ein Wort oder eine Wortfolge gelehrt, die man sich selber aussuchen darf, oder auf ein Koan (im Zen-Buddhismus) oder ein meist indisches Mantram (eine lautmagische Wortfolge), die einem für gewöhnlich von einem Lehrer oder einer Lehrerin gegeben werden. Heutzutage gibt es auch deutsche Mantren für die seelische Selbstgestaltung, und es ist sinnvoll, diese selbst auszuwählen.
Vor allem bei den Mantren geht es um die geistige Kraft der Worte, ja letztlich um die Auslösung der Lichtkraft jenes „Wortes“ (vergleiche Joh. 1,1-5), als dessen Ausklang alle Worte anzusehen sind.

Im buddhistischen Raum kann es sich außerdem darum handeln, sich ganz konkreten Imaginationen zu widmen, sich genauen Vorstellungen hinzugeben. Aber auch außerhalb des buddhistischen Raumes kann man sich beim meditativ vertieften Beten ganz konkret vorstellen, für wen oder was bzw. worum man betet, also gleichsam ein Vor-Bild gestalten für gezielte Auswirkungen, die einer überzeitlichen, „ewigen“ Wirklichkeit entstammen mögen. Beten meint viel mehr als nur ein Plappern mit einem eingebildeten Gott, wie manche/r vielleicht verächtlich meinen mag, vielmehr geht es um die Auslösung höherer, ja höchster Kräfte.
Auch hier gilt, dass es überkonfessionelle Gebetstexte und eine Weise des Betens gibt, die unabhängig von jeder religiösen oder konfessionellen Tradition durchgeführt werden kann. Ein solches Beten ist heute so wichtig wie schon immer, und es sollte dabei zunächst darum gehen, für die Menschheit als Ganzes zu beten, erst danach für spezielle Kreise und zuletzt für die eigene Person. Und zum Beten gehört - wenn möglich - auch ein entsprechendes Handeln.

Unter Meditation wird eine ausdrückliche Praxis verstanden, die zumeist in aller Stille eher aktiv durchgeführt oder eher passiv erlebt wird, wobei eigentlich immer sowohl eine aktive als auch eine passive Haltung vorhanden und notwendig ist, der Schwerpunkt aber manchmal eher auf dem einen oder dem anderen dieser beiden Pole liegen mag. Meditation kann im Sitzen auf einem Kissen, im ganzen, halben oder viertel Lotossitz erfolgen, oder auf einem meist hölzernen Hocker, wobei die Füße dann zum Himmel zeigen können, falls dies als angenehm erlebt wird. Meditation kann im Sitzen auf einem Stuhl, im Knien, Stehen oder Liegen stattfinden, denn es ist durchaus nicht sinnvoll, die Schönheit einer traditionellen östlichen Form allzu hoch zu bewerten  – das „Ewig-Geistige“ kann uns immer erreichen, denn es ist allgegenwärtig, es umfasst und durchdringt uns überall und egal in welcher Haltung wir uns gerade befinden. Eine lockere Aufrichtung ist wohl dennoch von Vorteil.

Und auf meditative Weise kann schließlich jede Tätigkeit durchgeführt oder erlebt werden, die uns der Alltag bietet oder abverlangt. Meditation bedeutet also zumeist keinen Rückzug aus der Welt, vielmehr vermag sie mitten in ein waches Leben zu führen - zu mitfühlender Teilhabe und ruhiger Tat. Wenn ich in gesammelter Aufmerksamkeit, in liebevoller Achtsamkeit und bewusster Leibhaftigkeit am Computer sitze oder einen Teller abspüle, eine Whatsapp-Nachricht verfasse oder ein Gespräch führe, mit meinen Kindern spiele oder meine Steuererklärung mache, dann kann das ebenfalls eine Form von Meditation sein. Dabei steigert es manchmal meine Achtsamkeit, wenn ich auf eine langsame Art tätig bin, Schnelligkeit muss aber diese Achtsamkeit durchaus nicht schmälern. Nur anhaltende Eile, wie sie für den Alltag von Vielen heute leider charakteristisch ist, ist gar nicht hilfreich. Liebevolle Achtsamkeit ist manchmal sehr leicht aufrecht zu erhalten, manchmal dagegen schwer oder sie erscheint sogar unerreichbar, so dass konkrete Hilfestellungen vorteilhaft sind.


Ohne Vertrauen in mich selbst und ins Leben werde ich es jedoch nicht weit bringen auf diesem spirituellen Weg: es braucht einen starken „Glauben“, nicht im Sinne eines Fürwahrhaltens von Dogmen, sondern als eine „Glaubenskraft“, die uns jenem Ziel näherbringt, das im Weg bereits lebendig ist. Misstrauen und Zweifel, Scham und Selbstverurteilung sind Hindernisse, mit denen dringend gut umgegangen werden muss. Innerhalb einer religiösen Tradition und Gemeinde kann ich diesen Weg gehen, oder auch „außerhalb“: in der „Familie“, in der großen Gemeinschaft der Menschheit, von der wir eigentlich niemals getrennt sind.
Eine gute spirituelle Begleitung vermag aufgrund langjähriger eigener Erfahrung Irrwege zu erkennen, Sicherheit zu bieten und lebendigen Geist zu vermitteln, durch Worte in der „Sprache“ des Suchenden und im meditativen Schweigen. Sie kann persönliche Hindernisse beseitigen helfen, Lösungsprozesse begleiten, konkrete Anleitungen geben, anregend oder inspirierend sein: voller Einfühlsamkeit, Verständnis und Mitgefühl, wie eine Brücke des Himmels.
Sie ist aber auch immer persönlich gefärbt, nicht allwissend oder unfehlbar. Sie ist gewöhnlich und unvollkommen, denn wir Menschen sind und bleiben immer beides: unvollkommen und dennoch vollkommen …

Autor: Thomas Löffler
Heilpraktiker
Spirituelle Begleitung &
Beratung, Psychotherapie

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