Mut zur Wut - ein normales Gefühl

von Stephan Klein

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Wut kann als Reaktion auf einen Mangel angesehen und definiert werden. Ohne Mangel ist es mir schlicht unmöglich, wütend zu werden. Nun kann ich mich fragen, worin der Mangel besteht. Oft steckt hinter der Wut das Grundbedürfnis, gesehen zu werden. Ich möchte als derjenige oder diejenige, die ich bin, gesehen und angenommen werden. Wenn wir die Möglichkeit haben, kurz inne zu halten, haben wir die Wahl, entweder die Wut auszuleben oder uns dem Mangel zu stellen. Oft ist es ein guter Rat, sich den Mangel anzuschauen. Deshalb sind wir noch keine Softies, sondern wir zeigen uns verletzbar. Es muss Schluss sein mit dem Mythos, dass Verletzlichkeit schwach macht oder ein Ausdruck von Schwäche ist. Das Gegenteil ist der Fall: Verletzlichkeit macht letztlich stark. Sie macht uns zu offenen, freundlichen Menschen, so wie wir es von kleinen Kindern kennen. Dies bekommen wir von unseren Mitmenschen gespiegelt und dies erhöht wiederum unser Selbstbewusstsein und unsere Lebensqualität.

Die andere Variante, die Wut auszuleben, ist eine mutige und mitunter eine gefährliche Entscheidung. Warum?
 

Zum einen müssen wir uns darüber bewusst sein, dass wir alle ständig projizieren. D.h. wir können nicht sicher sein, uns mit der Wut an die richtige Adresse zu wenden. Fast alle sind wir in unserer Kindheit auf Gehorsam konditioniert worden. Unsere Wut hingegen verkündet ein lautes „Nein“. Wenn wir uns als Mensch nicht gesehen fühlen, rutschen wir leicht in unser Kindheits-Ich zurück. Somit passiert eine Verschiebung in der Zeit und in der Person. Vergangenheit wird zur Gegenwart und das Gegenüber zu unseren Eltern. Um dies zu vermeiden, ist eine Unterscheidung von Auslöser und Quelle unserer Wut von Nöten. Unser Lebenspartner mag oft Auslöser unserer Wut sein, aber fast nie die Quelle. Es ist unsere Wut und wir sind für sie verantwortlich. Gut veranschaulicht wird dies durch folgende schöne Zengeschichte:

„Schuld ist immer das leere Boot.“
„Stell Dir vor, es ist ein nebliger Tag. Du bist mit Deinem Boot draußen auf dem See. Durch den Nebel kannst Du kaum etwas erkennen. Bis plötzlich ein anderes Boot durch die Schwaden genau auf Dich zukommt. Du wirst zornig. Du denkst: na so ein Arsch, ich habe erst gestern mein Boot neu angestrichen … und schon kracht das fremde Boot in Deins hinein. Du kannst die frische Farbe, die Du gestern so mühevoll aufgetragen hast, geradezu abblättern hören. Zorn! Dann schaust Du genauer hin und siehst: das andere Boot ist leer. Niemand drin. Niemand, der Dich absichtlich gerammt hat.“

Zum anderen ist da die Gesellschaft, für die Wut und Aggression (= herangehen, vorwärtsgehen) geächtete Gefühle sind. Wut auszudrücken, gilt als nicht opportun oder angemessen. Sind wir wütend, riskieren wir nicht selten die Zugehörigkeit zur Familie, zur Firma oder zu einer Gruppe. Sich zugehörig zu fühlen, ist ebenfalls ein elementares Grundbedürfnis des Menschen. Das Risiko, die Zugehörigkeit zu verlieren, stellt deswegen eine hohe Hürde dar. Die meisten von uns haben als Kind erfahren, dass gelebte Wut eine Situation häufig verschlimmert. Welche Eltern können einen Wutausbruch ihres Kindes ertragen, ohne es zu schlagen oder die Beziehung in Frage zu stellen? „Jetzt gehst du auf dein Zimmer!“
Diese schmerzhaften Erfahrungen mit Wut haben zur Folge, dass viele von uns Angst haben vor der eigenen Wut und vor einem möglichen Kontrollverlust.

Ich meine jedoch, dass Wut ein Gefühl ist, wie jedes andere Gefühl auch.
Durch das oben Beschriebene braucht es Mut zur Wut, um das Gefühl wie ein Vulkan ausbrechen zu lassen. Dies erlaubt uns jedoch, authentisch zu sein und unsere Kraft zu spüren.
Schmerzhaft ist nicht die Zeit, in der der Vulkanausbruch passiert, sondern die Zeit davor, in der wir ihn anfangs verhindern wollen und um die innere Erlaubnis ringen. Oder die Zeit danach, wenn wir vielleicht mit einem schlechten Gewissen konfrontiert sind.
Wenn wir erfahren, dass das Gegenüber meine Wut aushalten kann, erleben wir die Beziehung als nährend und belastbar. Die Botschaft lautet: Ich werde auch mit meiner Wut gesehen und angenommen.

Ob sie angenommen wird, richtet sich auch nach der gewaltfreien bzw. gewaltvollen Botschaft im Wutausbruch. Wenn wir mit Du-Sätzen urteilen und anklagen, ist es eher unwahrscheinlich, dass sie angenommen wird. Sprechen wir hingegen von uns in Ich-Sätzen „ich fühle mich ….“ gibt es größere Chancen, dass die Wut angenommen wird.
In der therapeutischen Arbeit bedarf es einer behutsamen Annäherung an die Wut. Es hängt vom Einzelnen ab, ob es besser ist, mit dem Mangel oder mit der Wut anzufangen.

Was haben wir für Erfahrungen gemacht, welche Verstrickungen gibt es in der Herkunftsfamilie, und welchen Charakter haben wir gebildet? Die Beantwortung dieser Fragen, die im Eingangsgespräch Thema sind, erleichtert die Wahl. Da beim Thema Wut so viele Grundbedürfnisse eine Rolle spielen, ist es eng verbunden mit der Selbstwertproblematik. Werden unsere Grundbedürfnisse nicht erfüllt, fühlen wir uns wertlos. In der Therapie wäre dann ein Ziel, die Nicht-Erfüllung der Grundbedürfnisse zu fühlen. Z.B.: Was macht uns das aus, wie tut es uns weh, nicht gesehen zu werden?

Einen weiteren Zusammenhang gibt es zwischen Wut und Geburt:
War unsere Geburt so, dass wir uns durch den Geburtskanal unserer Mutter aktiv durchkämpfen mussten und es hierbei zur Atemnot kam, ist Wut und Kampf mit Lebensgefahr verbunden. Wenn wir einen Mangel an Sauerstoff spüren, kämpfen wir umso stärker um die Befreiung. Gerade deshalb kann es dann zum Sauerstoffmangel kommen, weil der Kampf enorm viel  Sauerstoff verbraucht. Ein Teufelskreis, der z.B. den Parasympatikus, den sogenannten Ruhenerv in unserem vegetativen Nervensystem, in unserem Leben dominieren lässt. Somit ist es nicht übertrieben, vom Kampf um Leben und Tod zu sprechen. Dies macht den Zugang zur Wut im weiteren Leben schwierig bis unmöglich. Diese letzten Aussagen mögen etwas gewagt klingen, doch wer in seiner Primärtherapie nach Janov schon einmal einen bewussten Zugang zu seiner traumatischen Geburt erlebt hat, wird die Verbindung von Geburt und Wut bzw. Ohnmacht leicht nachvollziehen können.

Die Angst vor unserer eigenen Wut führt meines Erachtens zu zwei Umwegen im Alltag und in der therapeutischen Praxis:
Den 1. Umweg um die Wut nenne ich den kognitiv-analytischen. Wir wissen alles, was uns wütend gemacht hat und vielleicht immer noch macht, aber wir suchen Erleichterung in einer „kopfigen Arbeit“ statt zu fühlen.
Den 2. Umweg nenne ich den esoterischen. Demnach zeige das Gefühl der Wut unsere Verblendung und muss schlichtweg transformiert werden.

In meiner Praxis hat die Wut wie alle Gefühle einen Platz. Wir brauchen dafür kein Gegen-über, auf das wir wütend waren oder sind, sondern stellen uns die jeweilige Person vor und verleihen unserer Wut in einer geschützten Atmosphäre Ausdruck. Anfangs brauchen wir diese geschützte Atmosphäre in der Therapie, denn häufig ist da eben noch die Angst vor unserer Wut. Die therapeutische Begleitung ermuntert, bewertet nicht und wacht über den Klienten. Wut kann sich dabei schnell in Trauer wandeln und auch umgekehrt. 
Später kann der adäquate Ausdruck von Wut im Alltag auch allein gelingen. Allerdings macht es meist keinen Sinn, z.B. einer 88-jährigen Mutter, die im Heim lebt, seine Frustration und Wut zu zeigen. Wir werden sie nicht mehr ändern!

Ich wünsche mir einen unspektakulären, gewöhnlichen Umgang mit Wut in der Therapie und im Leben. Mut zur Wut!

Der Mensch ist mit sich und den Seinen
im Reinen, wenn’s ihm gelingt,
sein Lachen zu lachen,
seine Tränen zu weinen,
seine Wut zu fühlen und auszudrücken.      

Stephan Klein

Autor: Stephan Klein
Diplom - Pädagoge, HP-Psychotherapie
Traumatherapie, Primärtherapeut
Musiker & Clown

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