Sandra, das "strahlende Mädchen", der "Reporter" und "Jemand"

von Gabrielle Riek

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Sandra, eine Frau Anfang dreißig, kommt zu einer ersten Sitzung in meine psychotherapeutische Praxis. Schon als ich die Tür öffne, strahlt sie mich an, als wären wir längst bekannt und als würde sie sich überaus freuen, mich endlich wieder zu sehen.
Wir setzen uns, und sie erzählt mir von ihrem Leben. Das Strahlende in ihrem Gesicht weicht jetzt einem neutralen und sachlichen Ausdruck. Sie hatte, wie sie sagt, eine glückliche Kindheit. Sie wusste dann aber nicht, was sie studieren sollte. Eigentlich hätte sie Lehramt interessiert, aber sie traute sich nicht zu, vor einer Klasse zu stehen. So wählte sie etwas, was in der Wirtschaft immer gebraucht wird: BWL. Besonders interessiert hat sie das Thema allerdings nie. Gleichzeitig absolvierte sie eine Lehre als Handelskauffrau, weil sie fand, dass es für sie wichtig sei, auch die Praxis der Arbeit von Grund auf zu kennen. Nach zwei Jahren in dieser Doppelbelastung brach sie zusammen: Burn-out. Sie verbrachte ihren gesamten Urlaub in einer psychosomatischen Klinik. Sie erzählte niemandem davon. Es war ihr peinlich und sie fürchtete sich davor, von ihren Arbeitskollegen schräg angeschaut zu werden. So ging sie nach dem Klinikaufenthalt zu ihrer Arbeit, als wäre nichts geschehen. Ihr Studium aber gab sie auf.
Sie beendete ihre Lehre mit Bestnoten. Obwohl ihr die Firma eigentlich nicht gefällt – sie ist nicht einverstanden, wie der Chef mit seinen Mitarbeitern umgeht, und sie ist von dem Produkt, das sie vertreiben, nicht überzeugt – arbeitet sie auch nach ihrer Ausbildung weiter dort. Sie weiß, dass sie die Anforderungen erfüllen kann und geschätzt wird. Dass sie sich unterfordert und unglücklich fühlt, nimmt sie hin. Wer weiß, ob es woanders besser ist? Hier weiß sie, wie es läuft. Hier wird sie gebraucht und hier ist es sicher.

Bereits jetzt sind verschiedene „Innere Personen“ von Sandra erkennbar: Zu Beginn unserer Begegnung war ein „strahlendes Mädchen“ anwesend; sie hatte mich begrüßt und auch nonverbal während des Platz-Nehmens die ersten Minuten unseres Zusammenseins geprägt. Dann änderte sich Sandras Fokus. Sie erzählte sachlich, ja, geradezu unbeteiligt aus ihrem Leben. Als würde ein Reporter einen Bericht über Ereignisse abliefern, mit denen er selbst gar nichts zu tun hat.
Und dann lässt sich noch jemand erahnen, der nicht unmittelbar in dieser Begegnung zu sehen oder zu fühlen war. Vielmehr lässt sich nur indirekt aus der Erzählung auf jemanden schließen, der offensichtlich beschlossen hat, dass es für Sandra wichtiger ist, eine sichere als eine erfüllende Arbeit zu haben. „Jemand“ scheint Sandra zu Bestleistungen anzutreiben, unabhängig davon, ob sie das Thema interessiert. Überhaupt scheint für diesen „Jemand“ Sandras Vorlieben oder Abneigungen keine Rolle zu spielen. Es reicht anscheinend, wenn Sandra funktioniert, niemand etwas Schlechtes über sie denkt und „es sicher ist“. – Das ist die große Linie in Sandras Leben, auch wenn weder das „strahlende Mädchen“ noch der „Reporter“ diesen Willen selbst so in sich tragen ...

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Autorin: Gabrielle Riek
HP Psychotherapie
Praxis für Systemische Arbeit mit den Inneren Personen

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