Selbstregulation, von Richard Alf

von Richard Alf

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„Wir sind, was wir suchen, wir haben, was wir brauchen.“ Tarthang Tulku

Der Begriff der organismischen Selbstregulation beschreibt eine Wissensform, die allem Leben zu eigen ist. Schon der Same einer Pflanze „weiß“ um die Bedingungen, unter denen er zu keimen vermag, die Blume, wann sie blühen kann. Der Vogel weiß, wann Brutzeit ist, das geschlüpfte Küken, wann es Zeit ist zu fliegen. Wenn ein Kind zur Welt kommt, weiß etwas in ihm ebenso, was es braucht, um zu wachsen. Der Körper ist ein Wissenskörper. Seine primäre Selbstregulation ist innig verbunden mit dem Wissen um seine Bedürfnisse.

Der Säugling ist für lange Zeit darauf angewiesen, erfolgreich mit der Umgebung zu kommunizieren, damit diese für seine Bedürfnisse Sorge trägt, denn die eigenen Fähigkeiten reichen dafür noch nicht aus. Gelungene Selbstregulation ist somit in hohem Maße zuerst von der Präsenz und Einfühlsamkeit der Mutter, später anderer Bezugspersonen in der Familie, im Kindergarten, in der Schule abhängig. In dem Maße, in dem sie gelingt, fühlt sich das Kind zuerst angenommen und in der Folge als selbstwirksam. Auf dieser Basis kann es Schritte in die Autonomie wagen. Das Streben nach Verbundenheit und Autonomie (in dieser Reihenfolge) als wichtige Voraussetzungen für die Entfaltung unseres Potenzials in der Welt sind zentrale Wachstumsimpulse. Das Kind erlebt, fühlt, weiß also auch ohne Worte, dass es für sein Überleben wie auch für sein seelisches Gedeihen auf die Fürsorge Anderer angewiesen ist. Sein Wissenskörper greift im Notfall zu Maßnahmen, die primäre Selbstregulation preisgeben. Damit will das Kind sicherstellen, dass es sich erfolgreich an das Feld (Umwelt, Familie etc.) anpasst und Wohlwollen und Überleben gewährleistet sind.


Ein Kind kann z.B. lernen, vitalen Ausdruck von Freude oder Trauer zu unterdrücken, wenn es erlebt, dass dergleichen im familiären Feld nicht erwünscht ist. Oder es unterdrückt vielleicht sein Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung, wenn es die Bezugspersonen ablehnend oder gar aggressiv erlebt. Obwohl dies situativ sinnvolle Formen von Selbstregulation sind und im Kontext bis zu einem gewissen Grad funktional, beginnt das Kind doch in diesem Zusammenhang sein natürliches Sein zu kontrollieren. In der Folge können sich im Inneren Anspannung, Scham, Angst, Schuldgefühle, Wut und Resignation einschleichen. Es bilden sich Muster, die fortan stabil als Charakterzüge wahrnehmbar werden.  Durch soziale Interaktion sind sekundäre Formen organismischer Selbstregulation entstanden, die eine Identität erzeugen, die fortan kontrolliert und angestrengt aufrecht erhalten werden muss, denn sonst glauben wir uns in Beziehungen nicht sicher fühlen zu können. Darüber hinaus erfahren wir die Welt nun permanent aus der Perspektive dieser Identität und „lesen“ jede neue Erfahrung so, als würde sie diese Perspektive bestätigen. Wir schauen mal durch die rosarote, die schwarze, die feuerrote Brille. Wir konstruieren eine Welt, die nie ganz real ist, stattdessen Vergangenheit reproduziert. 

Die Erwartung an uns selbst, so oder so sein zu müssen, erzeugt Konflikt im Inneren und kann uns krank machen. Innerer Konflikt beansprucht auf Dauer einfach zu viel Lebensenergie. Unsere natürliche Würde und unsere ursprüngliche Freude am Sein stehen auf dem Spiel. Obwohl die Kindheit weit zurück liegt, manchmal nicht einmal mehr Kontakt zu den Menschen besteht, mit denen wir damals verbunden waren -  die Beziehungs- und Bindungsmuster sind etabliert und wirken fort. Um uns geliebt und wertvoll zu fühlen, legen wir uns vielleicht noch mehr Anstrengung auf. Die Gesellschaft in der wir leben, deren Fetische Leistung und Erfolg sind, leistet diesem Trend Vorschub. Kein Wunder, dass Depression, Burnout und Angsterkrankungen zunehmen. Sie sind Folge sekundärer organismischer Selbstregulation, die sich mehr an realen oder vermeintlichen Ansprüchen unserer Umwelt orientiert, als an unseren eigenen Bedürfnissen.

Psychotherapie ermutigt uns, unsere Muster und Strategien zu erkennen (durch nicht wertendes Gewahrsein), anzunehmen (ein Akt aktiven Mitgefühls sich selbst gegenüber)  und loszulassen (durch Rückbindung oder Hingabe an unser ursprüngliches Sein). Das  „Auftauen“ der Energie, die in einem Muster „gefroren“ war, lässt uns zwar das Leiden, die Not und vielleicht auch die Angst nochmals erleben, die wir als Kind nicht anders bewältigen konnten als eben durch die Perfektionierung dieses Musters, ermöglicht jedoch erst Rückbindung (lat.religio). Dabei kommt uns die Weisheit organismischer Selbstregulation zu Hilfe. Sie bringt den aktuell drängendsten seelischen Konflikt von allein in den Vordergrund. Wir müssen nicht in der Vergangenheit nach Ursachen suchen. Das Muster präsentiert sich vollständig im Jetzt. Die Teile unserer Persönlichkeit, die das Muster verkörpern, können betrachtet werden und wir können mit uns selbst in einen inneren Dialog treten. Da diese Teile alle lebensgeschichtlich entstanden sind, um Konflikte zu bewältigen oder Überforderungen zu ertragen, hatten sie in aller Regel eine schützende Funktion.
Heilung geschieht durch die Erkenntnis, dass wir dieses Muster nicht mehr brauchen und dass aus der Tiefe selbstregulativen, organismischen Wissens uns heute neue Antworten erwachsen können, die uns unser Leben tiefer, friedvoller und befriedigender meistern lassen.

Dem/der Therapeut/in kommt die Aufgabe zu, sich zunächst unterschiedslos nichtwertend für alle Persönlichkeitsanteile zu interessieren und uns darin zu unterstützen, zu verstehen, was sie in ihrer spezifischen Weise für uns zu leisten glauben. Der innere Richter, der Antreiber, die Kämpferin, der Verbissene, die Aufopfernde, der Vermeider - jeder Mensch hat eine ganze Reihe solcher und anderer Stimmen in sich. Ihre jeweiligen Botschaften und Forderungen sind meist nicht miteinander vereinbar. Die Spannung, die wir dadurch erleben, lässt den Wunsch in uns entstehen sie loszuwerden. Dass uns das nicht gelingt, hat unter anderem damit zu tun, dass die Aufgabe einiger Anteile darin besteht, eine vermeintliche oder in der Vergangenheit reale Bedrohung zu beschwichtigen. Diese ist in der Regel umso größer, je früher sie erlebt wurde, da die primären Bedürfnisse des Kindes allesamt lebens- bzw. überlebenswichtig waren. Das menschliche Gegenüber stellt daher zunächst den Raum bereit, in dem wir uns sicher und angenommen fühlen können. Die innere Bewegung kann sich allmählich von Abspalten und Loswerdenwollen zur Bereitschaft zu Integration transformieren.
Die ungeteilte Aufmerksamkeit (Präsenz) des Therapeuten ermöglicht es Menschen, sich ihren Schattenseiten zuzuwenden (Persönlichkeitsanteile, die starre Identität erzeugen, Ego). Präsenz ist selbst ein natürlicher Ausdruck primärer organismischer Selbstregulation. Sie lädt uns ein, durch den Widerstand zu gehen, in dem häufig Angst vor Identitätsverlust und vor der darunter liegenden Leere zu finden ist und zu erfahren, dass wir in unserem ursprünglichen Wesen gut sind und uns ganz lieben dürfen. Die kostbare Entdeckung der inneren Arbeit in Begleitung eines mitfühlenden Gegenübers kann die Erfahrung sein, dass ursprüngliche Wissensfähigkeit immer vorhanden war und ist, dass wir lediglich einen Schleier darüber gelegt haben, den wir lüften können. Dann erleben wir, dass wir die Antworten auf unsere Fragen in unserem eigenen Inneren finden. In den Worten des tibetischen Meisters Tarthang Tulku: „Wir sind, was wir suchen, wir haben, was wir brauchen.“

 

Autor: Richard Alf
HP-Psychotherapie
Gestalttherapie
IFS (Inner Family System)
   
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