Wer verdrängt hier wen?, von Artho Wittemann

von Artho Wittemann

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Verdrängung: es war eine der vielen Pionierleistungen Sigmund Freuds, dass er diesen Begriff im Bewusstsein der Menschheit etablierte. Das Wort ist so sehr in den allgemeinen Sprachschatz eingegangen, dass jeder, der es hört, nicht zuerst an große Containerschiffe denkt, die gewaltige Massen an Wasser verdrängen, sondern daran, dass die Psyche einen Inhalt – ein Wissen, ein Gefühl, eine Erinnerung – so stark verdrängen kann, dass man meinen könnte, er hätte nie existiert.

Vor Freud war sogar die Vorstellung des Unbewussten – nun ja, unbewusst. Niemand kam vor Freud auf die Idee, dass es da einen riesigen Vorrat an Ideen, Bildern, Impulsen, Emotionen und Erfahrungen in jedem von uns geben könnte, die wir die meiste Zeit einfach nur nicht wahrnehmen. Der Umstand, dass so viele Inhalte der Psyche ganz unbewusst sind, ist nicht nur ärgerlich, sondern vor allem praktisch. So bleibt unser Tagesbewusstsein frei für die Dinge, die vor uns liegen und unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Die anderen Inhalte, die wir gerade nicht brauchen, vielleicht nie mehr brauchen werden, bleiben schön im Unbewussten und können uns nicht stören.

Verdrängung ist eine besondere Form des Unbewussten. Der Begriff besagt, dass Inhalte der Psyche nicht einfach nur deshalb unbewusst sind, weil sie gerade nicht gebraucht werden, sondern weil sie unbewusst bleiben sollen. Und deshalb ist es auch nicht leicht, sie zu finden, wenn man sie vielleicht doch wieder einmal braucht. Es ist so, als würde man etwas verstecken und dann vergisst man, wo man es versteckt hat und schließlich vergisst man, dass man es überhaupt jemals hatte und darüber ist man auch noch froh (zumindest unbewusst). 
Freud erklärt das so: er sagt, die Psyche habe drei große Bereiche, die unabhängig voneinander - und oft genug gegeneinander - agieren. Das Es ist der ursprünglichste der drei Bereiche; es ist voller ungezähmter und animalischer Impulse und Triebe, wie man sie an Kindern und im Internet noch gut studieren kann. Das Über-Ich versucht nun, diese Triebe mit Hilfe von Regeln, Geboten und Idealen einzudämmen, um uns der Gesellschaft vermittelbar zu machen. Dem Ich fällt die undankbare Aufgabe zu, zwischen Über-Ich und Es zu vermitteln. Heraus kommen dann die normalen, rationalen und anständigen Menschen, die wir ja alle sind.
Zwischen diesen drei „Instanzen“ Es, Über-Ich und Ich sind die Konflikte natürlich vorprogrammiert. Das Ich, sagt Freud, will bestimmte Impulse des Es nicht wahrhaben. Sie widersprechen den Regeln des Über-Ich und sind dem Ich deshalb peinlich und unerwünscht. Also verdrängt das Ich sie ins Unbewusste, wo sie möglichst auch bleiben sollen. Diese Einsicht ist genial  - und doch ist sie nur halb wahr. Seither stellen wir uns nämlich vor, dass zur Verdrängung immer zwei gehören: Der Verdränger und das Verdrängte. Das klingt so logisch, dass man scheinbar gar nicht weiter darüber nachdenken muss.

Seit Freud hat sich Einiges getan. Es gibt neue Ansätze, die die Idee Freuds aufgegriffen und weiterentwickelt haben. Verschiedene Schulen der sogenannten Teile-Psychologie1 gehen davon aus, dass es mehr als nur drei autonomer Teile in uns geben muss. Diese Schulen unterscheiden sich stark darin, wie sie die angenommenen Teile beschreiben und definieren. Sie sind sich aber einig, dass die Teile in unserer Innenwelt eigensinnig darum ringen, ihre jeweilige Sicht der Welt durchzusetzen und dass es dabei naturgemäß Gewinner und Verlierer gibt. Und die Verlierer sind denn eben die Verdrängten. Sie haben nichts mehr zu sagen und verschwinden im Dunkel des Unbewussten, wo sie – nach dem Willen der Gewinner – gefälligst auch bleiben sollen.
Viele Therapieformen (auch solche, die sich gar nicht mit Freud oder mit Teilen  befassen), sind auf diesem Verständnis von Verdrängung aufgebaut: sie glauben, dass das Verdrängte immer das Opfer irgendeines inneren Verdrängers ist und dass es deshalb nur darauf wartet, wieder befreit zu werden. Deshalb sollte man ihm Gelegenheit geben, sich zu zeigen und auszudrücken und sich so seinen Platz im Bewusstsein des Menschen zurück zu erobern. Im Gespräch, in der Körperarbeit, Atemtherapie, Meditation und vielen anderen Methoden werden Situationen erzeugt, die die verdrängten Inhalte einladen, sich als Gedanken, Gefühle, Bilder, Energien und Körperreaktionen zu zeigen.

Man kann die Sache aber auch anders herum sehen: mal angenommen, die verschiedenen Teile in der Psyche sind sehr intelligent. Und mal angenommen, sie können deshalb sehr gut erkennen, dass sie in dieser Welt, dieser Familie, dieser Gruppe, diesem Beruf, dieser Beziehung nicht willkommen sind. Und dass sie deshalb – aus ihrem eigenen Willen heraus – beschließen, sich nicht mehr blicken zu lassen. Sie gehen freiwillig ins innere Exil; nicht weil sie jemand dorthin verbannt hätte, sondern weil sie es da wärmer, sicherer, bequemer, gerechter finden. Das wäre dann nicht Verdrängung, sondern Selbst-Verdrängung. Das klingt erst mal sehr ähnlich; bei näherem Hinsehen ist es aber das Gegenteil: Verdrängung – im herkömmlichen Sinne –  ist ein Unglück für das Verdrängte. Selbstverdrängung ist eine Lösung für das Verdrängte.

Jemand, der nach langen Irrungen und Kämpfen endlich einen sicheren Platz gefunden hat, wird wenig Lust verspüren, diesen Platz wieder aufzugeben. Er wird sich bemühen, ihn so lange wie möglich zu behalten. Um nicht entdeckt zu werden, wird er sich aus eigenem Antrieb möglichst ruhig verhalten und unsichtbar machen. Niemand unterdrückt ihn und er will auch nicht befreit werden. Denn Befreiung hieße für ihn nur: neuer Ärger, Verletzung, Bedrohung, Betrug und Verrat.

Und so kommt es, dass viele Teile der Psyche sich freiwillig abgemeldet haben und gar nicht daran denken, sich wieder hervorlocken zu lassen. Sie verhalten sich so still und unscheinbar, als wären sie gar nicht da. Gerade die Stärksten machen das; gerade die, die einmal leidenschaftlich für etwas gekämpft und dann gemerkt haben, dass sie mit ihrem Anliegen – nach tiefer Liebe, Gemeinschaft, Gerechtigkeit – letztlich alleine sind. Entweder sie verschwinden freiwillig in die tiefsten Schichten des Unbewussten und vergessen schließlich ihre eigene Existenz. Oder sie tarnen sich bis zur Unkenntlichkeit, indem sie  Schichten von Strategien auftürmen, die immer harmloser und nichtssagender werden. Gutgemeinten Angeboten, doch wieder lebendiger zu werden und wieder mehr in Beziehung zu treten, stimmen sie einsichtig zu und lassen sie im Sande verlaufen. Sie ignorieren sie einfach; und freuen sich darüber, dass sie klug und gewitzt genug waren, nicht wieder in diese Falle zu tappen.

Die IndividualSystemik ist eine spezielle Form der Arbeit mit inneren Teilen. Ihre einzige Vorannahme ist die, dass in jedem von uns verschiedenste Innere Personen leben, die man direkt treffen und untersuchen kann.2
Dabei kann man das Phänomen der Selbst-Verdrängung ganz unmittelbar erleben: gerade die scheinbar langweiligsten Teile, die sich durch erhabene Banalität und exquisite Langeweile auszeichnen, waren einmal  die eigentlich feurigen, engagierten und intelligenten Bewohner der Psyche. Aber weil ihnen das nur Konflikt,  Ärger und Leid gebracht hat, haben sie sich verkleidet und verabschiedet. Sie führen eine heimliche Existenz. Jede Einladung läuft deshalb bei ihnen ins Leere; sie wollen nicht befreit werden. Das Einzige, was sie mit ihrer ursprünglichen Lebendigkeit wieder zurückholen kann ins Leben ist ein Gegenüber, das die Intelligenz ihrer Verkleidung erkennt und respektiert. Wenn sie in ihrer Selbst-Verdrängung verstanden werden, beginnen sie sich daran zu erinnern, dass sie einmal ganz anders waren. Und weil sie ihr Gefängnis selbst gebaut haben, sind sie auch die einzigen, die sich wieder daraus entlassen können. Der Schlüssel liegt in ihrer Hand; er liegt in ihrer ursprünglichen, selbst-verdrängten Natur verborgen ...

1. IndividualSystemics, Internal Family Systems (IFS), Inneres Team, Voice Dialogue, Ego States Therapy, NLP u.a.m.
2. siehe dazu auch die Bücher von Artho Wittemann, Die Intelligenz der Psyche und Die Architektur der Innenwelt.

Autor: Artho Wittemann
Begründer der IndividualSystemik.
Autoren der Bücher:
„Die Intelligenz der Psyche“,
„Die Architektur der Innenwelt“,
„Die Geheimen Bewohner der Seele“.
Leben und arbeiten seit
fünf Jahren in Schweden.
www.individualsystemics.com