Der Klang der Welt – Klangmethoden in der therapeutischen Praxis

von | 6. Oktober 2021

„Nada Brahma“ – Die Welt ist Klang. Nada – der Klang und Brahma – das schöpferische Prinzip. Um dem Klang der Welt auf die Spur zu kommen, befragte Joachim Ernst Behrend einst Ethnologen, Naturwissenschaftler, Mystiker und Musiker und beschrieb 1983 in seinem Buch: Wir leben in einer Welt des Hörbaren und der physikalischen, magnetischen und elektrostatischen Schwingungen. Unser Universum mit all seinen Strukturen ist aus Schwingungsmustern aufgebaut. Alles Leben ist Schwingung, ist Musik. Sauerstoffteilchen schwingen in C-Dur, Grashalme singen, bei der Photosynthese entstehen Dreiklänge. Von Anbeginn der Zeit besteht die Welt aus Klang – so die indischen Veden. Als Teil der Welt sind wir mit ihr und der ganzen Schöpfung durch Klang verbunden.

Im Ein-Klang mit sich selbst sein – wer wünscht sich das nicht? Unser Lebensstil macht es uns schwer, ein für unsere Gesundheit so zwingend notwendiges, sensibles Gleichgewicht zu wahren: ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Aktivität und Ruhe. Sind wir permanent im Alltagstrott gefangen entsteht Stress. Und wenn dieser zum Dauerzustand wird, macht er krank. Schon Kinder sind davon betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte Stress als eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Um Stress rechtzeitig zu erkennen und ihm entgegenzuwirken brauchen wir ein gutes Körpergefühl UND einen bewussten Umgang mit den Stressoren. Entspannt im Einklang mit dem Leben sein ist weit mehr als Prävention oder Wellness. Entspannung ist für uns Menschen (über-)lebensnotwendig. 

Der Tiger unter dem Baum

Unsere Vorfahren schalteten bei kurzfristigen Gefahren in den körperlich zum Überleben notwendigen „Kampf oder Flucht“-Modus. Dabei wird der Sympathikus-Nerv aktiviert: Blutdruck, Puls und Blutzucker steigen, Pupillen weiten sich, Blut wird aus dem Verdauungstrakt hin zur Muskulatur verteilt, die Gerinnungsfähigkeit des Blutes erhöht sich um bedrohlichen Blutungen vorzubeugen. Sobald die Bedrohung vorbei ist, tritt der Parasympathikus – unser Ruhe-Nerv – auf den Plan. Er ist zuständig für Verdauung, Entspannung, Erholung und Reparaturvorgänge im Körper. 

Unser heutiger Stress ist anders als der unserer Vorfahren. Wir bleiben auf dem Baum sitzen, während der brüllende Tiger darunter schon lange verschwunden ist. Unser Sympathikus bleibt aktiviert obwohl wir nicht um unser Überleben kämpfen müssen. Fehlen uns jedoch Ruhe, fehlen körperliche, geistige und seelische Regeneration, wird Krankheiten Vorschub geleistet. Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Entzündungen oder Schmerzen im Bewegungsapparat sind nur einige davon. Freudlosigkeit, Depressionen, Ängste, somatoforme Störungen sind ebenso wie Gefühle von Überforderung, Hilf- oder Ratlosigkeit, Verzweiflung oder Entscheidungsschwäche Ausdruck von Erschöpfung. Bereits bei Kindern fehlt oft der wertvolle Antrieb zu Kreativität und Erholung, die Langeweile.

Ist hingegen wie bei einer Klangmassage unser Parasympathikus aktiviert, können wir es uns wieder unter dem Baum gemütlich machen. Wir dürfen entspannen. Dieses subjektive Erleben von Entspannung ist objektiv durch Darstellung der Herzratenvariabilität (HVR) messbar. Als Ausgleich zur Anspannung brauchen wir diese Entspannung. Sie ist Voraussetzung für den Erhalt unserer Gesundheit. Denn wenn wir entspannt sind, können sich innere Ruhe, Zufrieden- und Gelassenheit einstellen – eine solide Basis zur Erhöhung unserer Stressresistenz und Resilienz. 

Kraftquelle Klang – Erinnerung an das Gesunde

Klangtherapie unterscheidet sich deutlich von aktiven Entspannungsverfahren wie Yoga, autogenem Training, progressiver Muskelentspannung oder Meditation. Wir müssen nichts tun, nichts üben, nicht aktiv werden. Wir dürfen einfach nur sein, loslassen, wahrnehmen, lauschen, mit allen Sinnen in uns hinein spüren. Im Fokus steht das Gesunde und nicht das, was krank macht. Schon Goethe schrieb „Wäre nicht der ganze Leib ein Klang, er könnte keine Klänge erschaffen“. 

Die Klänge der obertonreichen Klangschalen führen uns sanft in eine Stille hinein und erinnern durchaus an Klänge, wie wir sie aus dem Mutterleib kennen. Im geschützten und behüteten Resonanzraum wird erneut Urvertrauen spürbar. Wir dürfen uns an die Weisheit unseres Körpers, an unsere Kraftquellen und Ressourcen, an unsere Selbstheilungskräfte erinnern. Wenn Körper, Geist und Seele in harmonischem Einklang schwingen, können wir Erdung erfahren. 

Den Klang spüren

Bei einer Klangmassage werden Klangschalen unterschiedlicher Frequenzen und Größen auf und neben dem bekleideten Körper positioniert und sanft angeschlagen. Unser Körper besteht zu über 70 Prozent aus Wasser, so dass wir nicht nur mit den Ohren hören, sondern die Klang-wellen spüren können, die von den schwingenden Schalen ausgehen und sich über Haut, Gewebe, Organe, Knochen, Körperhohlräume und Körperflüssigkeiten im gesamten Körper ausbreiten. Durchblutung und Lymphfluss werden angeregt, muskuläre Verspannungen können sich sanft lösen. Ähnlich wie bei der Meditation werden im Zuge der einsetzenden Entspannung Atmung, Herzschlag, Puls, Stoffwechsel und Verdau-ungssystem regulativ beeinflusst. 

Der Ton der Klangschale berührt unser Innerstes, er bringt die Seele zum Schwingen … Das schrieb vor über 30 Jahren Peter Hess, der als westlicher Pionier der Arbeit mit Klangschalen gilt. Er entwickelte nicht nur die heute bekannte Klangmassage, sondern konnte auch die Fertigung von Therapieklangschalen mit speziellen Schwingungs- und Klangeigenschaften initiieren und dadurch einem im Himalaja bekannten, alten Handwerk zur Wiederbelebung verhelfen. 

Klangmethoden für Jung und Alt

Wir wissen heute, dass Klang und Musik nicht nur beruhigen, sondern Niedergeschlagenheit mildern und Heilungsprozesse fördern können. Klangmethoden haben daher ein sehr breites Anwendungsspektrum. Im pädagogischen Kontext werden sie bereits als Klangangebote in Kindergarten oder Schule eingesetzt. Kinder lieben Klang und profitieren sowohl von altersentsprechenden Klangmassagen als auch von Fantasie-Klangreisen, alleine oder in Kleingruppen, wie sie von geschulten Therapeutinnen und Therapeuten angeboten werden. Klänge stärken das kindliche Urvertrauen und fördern die Aufmerksamkeit. Klangtherapeutische Elemente finden mehr und mehr Anwendung in Heilpädagogik, im medizinischen-, psycho- oder körpertherapeutischen Kontext, in der Alten- oder Behindertenarbeit, in Krankenhäusern und hier sogar auf Intensivstationen, im Reha- oder Wellnessbereich sowie in der Hospizarbeit. 

Vertrauen in das Leben

Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie die Klänge der Klangschalen selbst alte, gar bettlägerige Menschen oder jene, die sich kaum mehr ausdrücken können, ruhig werden lassen und ihnen ein zufriedenes Lächeln in ihre Gesichter zaubern. Klänge erinnern uns daran, dass wir als Teil der Schöpfung mit ihr durch Klang verbunden sind. In Resonanz mit dem eigenen Klang gehen schafft Raum für tiefgreifende Regeneration und Neuausrichtung, für stille Freude, so dass wir mit Gelassenheit und frischem Mut wieder auf unsere innere Reiseleitung vertrauen können.

Monika Kornisch-Kayser

Monika Kornisch-Kayser

Heilpraktikerin, Symbionie® – Naturheilkunde – Klangtherapie

Günsterstalstraße 31
79102 Freiburg

Telefon: 0761 7043005